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Das Recht der Uebersetzung bleibt vorbehalten.

Vorwort

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Die Grundsätze, nach denen die früheren Theile dieses Grundrisses ausgearbeitet worden sind, sind auch bei dem vorliegenden, das Ganze abschliessenden Theile maassgebend geblieben.

Insbesondere die Doctrinen der unserer Gegenwart bereits nahe stehenden Philosophen habe ich um des Bedürfnisses des Lernenden willen in möglichst engem Anschluss an deren eigene Darstellung wiedergegeben. Ich erkenne in vollein Maasse den Werth freierer Reproductionen an, welche die philosophischen Systeme von neuen Seiten her in eigentbümlicher Weise dem Verständniss nahe zu bringen suchen; aber für diesen Grundriss erschien mir als zweckmässig und geboten, mich in der Darstellung der Lehren auf die abkürzende Mittheilung des Gegebenen einzuschränken. Die charakteristischen Grundgedanken suche ich zu einem übersichtlichen Ganzen so zu verknüpfen, dass dadurch ein treues und klares Gesammtbild der darzustellenden Doctrinen gewonnen werde.

In dem Maasse, wie die Theoreme eines jeden Philosophen noch gegenwärtig unmittelbar die Weltanschauung Vieler bestimmen (demnach zumeist bei Spinoza und bei Kant), schien mir eine Kritik angemessen zu sein, welche dieselben nicht als blosse Momente des Entwicklungsganges der Philosophie nach ihrem Verhältniss zu den nächstvorangegangenen und nächstfolgenden Systemen betrachtet, sondern sie auch, gleich wie Sätze von Zeitgenossen, unmittelbar auf ihre bleibende Wahrheit und Gültigkeit für unser gegenwärtiges philosophisches Bewusstsein prüft. Doch habe ich mir angelegen sein lassen, mehr die Argumente, als den Inhalt der Lebren in dieser Weise der Prüfung zu unterwerfen. Zu der bloss formalen, nur an dem eigenen Princip des Systems die einzelnen Sätze und das Princip selbst an seiner Durchführbarkeit messenden Kritik, wie auch zu der blossen Wiedergabe der bereits im Laufe der Geschichte selbst von nachfolgenden Philosophen (explicite oder implicite) vollzogenen Kritik bildet die direct vom Standpunkte des Historikers aus geühte Beurtheilung eine nothwendige und unabweisbare Ergänzung; nur die Einseitigkeit ist tadelbaft, mit welcher, besonders bei manchen Historikern im achtzehnten und am Anfange des gegen

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wärtigen Jahrhunderts, diese directe Kritik sich überall vordrängt und auch da erscheint, wo die blosse Einreihung einer Doctrin in den Gesammtentwicklungsgang hätte genügen können und sollen. Aber sofern ich unmittelbar von meinem Standpunkte aus Kritik übe, will diese, bei aller Festigkeit der subjectiven Ueberzeugung doch eben auch ihrer eigenen Subjectivität sich bewusst, vor Allem zur Anregung des Denkens dienen. Indem der historisch mitgetheilten Doctrin eine mögliche und auf einem bestimmten Standpunkte nothwendige entgegengesetzte Auffassung sofort gegenübertritt, so soll hierdurch jeder passiven Hinnahnie des Gegebenen kräftig gewebrt und selbständige Gedankenbildung gefördert werden.

Zum Behuf der zweiten und dritten Auflage habe ich diesen Theil des Grundrisses von Neuem durchgearbeitet, berichtigt und sachlich und bibliographisch ergänzt, in welchem letzteren Betracht ich mich wiederum der freundschaftlichen bibliothekarischen Mitwirkung des Herrn Dr. Reicke zu erfreuen hatte. Einen schätzbaren Zusatz hat das Buch seit der zweiten Auflage durch Herrn Paul Janet's übersichtliche Darstellung der französischen Philosophie der jüngsten Zeit erhalten (die jetzt in deutscher Uebersetzung in § 29 aufgenommen ist); gleichartige Ergänzungen haben die Herren T. Collyns Simon und Prof. Bonatelli geliefert in der Zeitschr. f. Philos., Bd. 53 u. 54, 1868 und 1869); auch Herrn Prof. Delboeuf in Lüttich und Prof. Borelius in Lund habe ich für gefällige Mittbeilungen zu danken. Das Register ist von Herrn Cand. phil. R. Schultz ausgearbeitet worden. Königsberg, im Mai 1871.

F. Ueberweg

Mit Recht glaubt der Unterzeichnete, der auf den Wunsch des verewigten Freundes die Correcturbogen dieser neuen Auflage revidirte, noch hervorheben zu müssen, dass in ihr im Vergleich zu den vorhergehenden Auflagen und in Uebereinstimmung mit dem in vierter Auflage erschienenen ersten Theile durchweg eine grössere Conformität zwischen den einzelnen Abschnitten hinsichtlich der Specialdarstellungen und den diesen vorausgehenden Literaturnachweisen herrscht, und dass der Verf. seine eigenen kritischen Bemerkungen sämmtlich unter den Text gewiesen hat. Was die literarischen Ergänzungen betrifft, so sind diese theils noch während des Druckes an betreffender Stelle eingetragen, theils in die Berichtigungen und Zusätze gebracht. Königsberg im December 1871.

R. Reicke.

Zur Erinnerung an den Verfasser.

Die vorliegende Auflage, an deren Redaction der Verfasser noch rüstig gearbeitet, deren erste Correcturbogen er noch auf dem Krankenbette durchgesehen hatte, erscheint nun als erstes Werk, welches seine Wirksamkeit über die kurze Lebenszeit, die ihm vergönnt war, hinausträgt. Eine stark empfundene und theure Pflicht verlangt es, des Dabingeschiedenen hier in diesem Werke zu gedenken, an welchem er viele Jahre hindurch mit Liebe und Freude gearbeitet, und mit dem er auf die weitesten Kreise nutzbringend gewirkt hat. - Ein solcher Rückblick enthüllt zugleich ein Bild seines edlen Characters. Seine wissenschaftliche Bedeutung haben bereits berufene Freunde, Professor Lange in der altpreussischen Monatsschrift sowie in besonders erschienener Characteristik und Professor Dilthey im Septemberheft der preussischen Jahrbücher eingehend gewürdigt und zumal der erstere auch sein Lebensbild in seinen feinen, ruhigen Zügen treu und wahr uns gezeichnet. *) Was aber mir in Erinnerung an ihn zu bezeugen zukommt, ist, dass die Güte und Reinheit seines Wesens selbst einen ursprünglich geschäftlichen Verkehr in einen freundschaftlichen verwandelt hatten, den schönsten und erfreuendsten, welchen die auf vertrauensvolles Einverständniss zu einander bingewiesenen Verleger und Autoren erreichen können. Freilich lag es ja in seinem einfachen, offenen, gesinnungsfesten Wesen, dass er Allen, auch denen, zu welchen nur äusserliche Beziehungen ihn stellten, sein Inneres treu und ehrlich zeigte. Seine Ansprüche ans Leben waren zu gering, der Kreis der Interessen für ihn so fest gezeichnet und unverlierbar, dass selbst die Nähe einer ibm fremden Individualität ihn nicht schmerzen oder schädigen konnte. Wessen Seele aber diese

*) Soeben geht mir von Ueberwegs Freunde, Adolf Lasson, noch zu: Zum Andenken an Friedrich Ueberweg. Separatabdruck aus Dr. Bergmann's Philosophischen Monatsheften, Bd. VII, IIeft 7.

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selbstlose Natur, dieses stille gewissenhafte Forscherleben verstand und schätzte, der musste ihm in treuer Achtung immer nahe zu bleiben wünschen. Solche reine und einfache Naturen wirken in wunderbar doppelter Weise auf ihre Umgebung, sie erquicken, veredeln durch die Ruhe ihrer Selbstgewissheit und fordern zugleich unwillkürlich dazu auf, in treuer Obhut ihnen die Störungen aus dem ihnen unverständlichen Weltgetriebe abzuwehren.

Am 29. Oktober 1860, bald nach meiner Promotion und dem Eintritt in die Buchhandlung meines Grossvaters, hatte ich Ueberweg, den zu einer solchen Aufgabe seine drei Jahre zuvor erschienene Logik besonders empfahl, den Plan eines, in exacter wissenschaftlicher Darstellung, unter Trennung der für verschiedene Standpunkte wesentlichen Specialmaterien abgefassten Grundrisses der Geschichte der Philosophie brieflich angedeutet, wie ich ein solches Werk bei der Vorbereitung zur Promotion selbst vermisst hatte. Am 9. November antwortete er, dass ein solcher Plan seiner Neigung entspräche und er ihn näher entwickelt zu sehen wünsche; darauf am 19. December, dass er mancherlei Pläne, denen er zuerst noch Vorrechte zugesprochen hatte, einer solchen Aufgabe zu Liebe schon zurückgesetzt habe: „Um für die Ausarbeitung der von Ihnen projectirten Geschichte der Philosophie im Grundriss die nöthige Zeit zu gewinnen, habe ich das Colleg über die Ethik für den Winter nächsten Jahres hinausgeschoben; auf die Bearbeitung der Utrechter Preisaufgabe – über den Hegelianismus seit 1831 — muss ich ohnedies verzichten und F. H. Jacobi (- dessen Nachlass, drei Kisten voll, ihm zu freier Verfügung anvertraut worden war —) mag warten wie er schon ein Jahr lang gewartet hat.“ Sogleich ging er dann in das Einzelne der Unternehmung ein, erörterte die Einstreuung der loci classici, die Behandlung der Bibliographie, die Anordnung bei den wichtigsten, ausführlicher vorzutragenden Systemen. Ich erlaubte mir nur in Einem Punkte besondere Wünsche auszusprechen, in der Behandlung des Mittelalters. Es lag mir viel daran, diese im Allgemeinen vernachlässigte und mit hergebrachten Gesammturtheilen abgefertigte Periode in der Wandlung und Mannichfaltigkeit ihrer philosophischen Doctrinen ans Licht zu heben; ich hatte kurz vorher noch mich bemüht, dem Ritter-Preller'schen Werke eine Fortsetzung für diese weltgeschichtliche Periode zu erwirken, und bat daher eingehend, diese Epoche und den Eigenwerth ihrer Philosopheme ausführlich auszuarbeiten. Als Ueberweg die Sache zuerst durchdachte, hatte er noch geglaubt, das Ganze auf einen Band in mässiger Stärke, 30 Bogen, zusammendrängen zu können – aber erst am 1. Juni 1861 sandte er die ersten Bogen probeweise ein, und

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